Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Lineare Differentialgleichungen mit konstanten Koeffizienten (§10)

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Wir wollen zum Abschluss dieses Kapitels lineare Differentialgleichungen m-ter Ordnung mit konstanten Koeffizienten behandeln. Seien hierzu die Koeffizienten pk für k=0,1,,m mit pm0 sowie m gewählt und der lineare Differentialoperator wie folgt gegeben:
(1) :Cm(,)C0(,) vermo¨ge(y)|x:=pmy(m)(x)+pm1y(m1)(x)++p1y(x)+p0y(x),x.

Definition 1

Wir nennen
p(ζ):=pmζm+pm1ζm1++p1ζ+p0,ζ
das zu gehörige charakteristische Polynom.


Offenbar gilt die Aussage

(2) (eζx)=p(ζ)eζx,x und λ.

Sind also λ1,,λn die 1nm paarweise verschiedenen Nullstellen des Polynoms p(ζ), so erhalten wir mit den Funktionen

eλ1x,,eλnx

dann n verschiedene Lösungen der Differentialgleichung (y)=0. Nun seien k1,,kn die Vielfachheiten der Nullstellen λ1,,λn mit k1++kn=m, also gelte

(3) p(ζ)=pm(ζλ1)k1(ζλn)kn,ζ.

Für ζ und q=0,1,2, berechnen wir für alle x die Gleichung

(4) (xqeζx)=((ζ)qeζx)=j=0mpj(x)j((ζ)qeζx)=(ζ)qj=0mpj(x)jeζx=(ζ)q(eζx)=(ζ)q{p(ζ)eζx}.

Für j=1,,n enthält p(ζ)eζx den Faktor (ζλj)kj und die Produktregel liefert

(5) (xqeλjx)=(ζ)q{p(ζ)eζx}|ζ=λj=0 für q=0,1,,kj1.

Mit den Funktionen

(6) y11(x)=eλ1x,y12(x)=xeλ1x,,y1k1(x)=xk11eλ1x,xyn1(x)=eλnx,yn2(x)=xeλnx,,ynkn(x)=xkn1eλnx,x

erhalten wir m Lösungen der homogenen Differentialgleichung (y)=0.

Satz 1 (Komplexes Fundamentalsystem)

Die in (6) erklärten Lösungen {y11,,y1k1,,yn1,,ynkn} der Differentialgleichung (y)=0 sind komplex linear unabhängig.

Beweis

1.) Wir zeigen zunächst, dass es zu den paarweise verschiedenen Zahlen λ1,,λn einen Index k{1,,n} und eine Zahl ξ{0} gibt, so dass Re[(λjλk)ξ]>0 für alle jk erfüllt ist. Hierzu betrachten wir die ebene, konvexe Menge

K:={z:z=k=1nμkλk mit μk[0,1] und k=1nμk=1}.

Offenbar gibt es ein k{1,,n} und eine Halbebene

H:={z:Re[(zλk)ξ]>0}

oberhalb einer Gerade durch den Punkt λk senkrecht zum Vektor ξ2{0}, so dass K{H}={λk} erfüllt ist. Somit folgt λjH für alle jk und schließlich Re[(λjλk)ξ]>0 für j=1,,k1,k+1,,n.

2.) Wir zeigen nun indirekt, dass die Funktionen {y11,,ynkn} linear unabhängig sind. Wären sie nämlich linear abhängig, so gäbe es Polynome P1(x),,Pn(x), die nicht alle identisch verschwinden und

P1(x)eλ1x++Pn(x)eλnx=0 für alle x

erfüllen. Wir können o. B. d. A. davon ausgehen, dass alle Polynome nicht identisch verschwinden und beachten

(7) P1(z)eλ1z++Pn(z)eλnz0 für alle z.

Wählen wir nun gemäß dem Teil 1.) einen Index k{1,,n} und eine Zahl ξ{0}, so betrachten wir die Identität

(8) P1(ξt)e(λ1λk)ξt++Pk(ξt)++Pn(ξt)e(λnλk)ξt,t.

Wegen Re[(λjλk)ξ]>0 für j=1,,k1,k+1,,n erhalten wir aus (8) für t die Beziehung limtPk(ξt)=0. Somit folgt die Aussage Pk0 – im Widerspruch zur obigen Annahme.

q.e.d.

Bemerkungen

1. Als Realteile von den komplexen Linearkombinationen der Funktionen (6) erhalten wir ein Fundamentalsystem der homogenen Gleichung (y)=0.
2. Betrachten wir zur konstanten Matrix P aus (3) in §9 die Fundamentallösung Y(x):=Exp(Px),x des homogenen Systems

Y(x)=PY(x),x,

so werden wir zum Funktionensystem (6) über die Jordansche Normalform wie in §7 hingeführt die sich in den ersten Halbjahr des Jahres.
3. Nachdem wir ein Fundamentalsystem für die lineare Differentialgleichung mit konstanten Koeffizienten gefunden haben, können wir gemäß Satz 4 in §9 mittels Variation der Konstanten eine Lösung der inhomogenen Gleichung ermitteln.
4. Wenn die rechte Seite der Gleichung eine spezielle Form hat, kann man mit einem Ansatz vom Typ der rechten Seite eine partikuläre Lösung der inhomogenen Differentialgleichung finden.

Satz 2 (Ansatz vom Typ der rechten Seite)

Sei wie oben ein linearer Differentialoperator m-ter Ordnung mit konstanten Koeffizienten gegeben. Weiter habe die rechte Seite die Form f(x)=φ(x)eμx. Dabei ist φ ein Polynom vom Grade M{0} und μ eine Nullstelle der Ordnung k{0} des charakteristischen Polynoms p(ζ). Dann besitzt die inhomogene Differentialgleichung (y)=f(x) eine spezielle Lösung der Gestalt
y(x)=xk(a0+a1x++aMxM)eμx,x
mit geeigneten Koeffizienten a0,a1,,aM.

Beweis

Mit Hilfe von Formel (5) berechnen wir für q=k,,M+k:

(xqeμx)=(ζ)q{p(ζ)eζx}|ζ=μ=l=0q(ql)p(l)(μ)eμxxql
=l=kq(ql)p(l)(μ)eμxxql=(qk)p(k)(μ)eμxxqk+.

Da p(k)(μ)0 erfüllt ist, können wir Koeffizienten a0,a1,,aM so finden, dass

(xk(a0+a1x++aMxM)eμx)=φ(x)eμx,x

erfüllt ist.

q.e.d.

Bemerkungen

  1. Die Koeffizienten a0,a1,,aM werden durch Einsetzen in die inhomogene Differentialgleichung und Koeffizientenvergleich bestimmt.
  2. Für die lineare Differentialgleichung (y)=f mit einer reellen rechten Seite ist mit einer Lösung y(x) auch y(x) eine Lösung dieser Differentialgleichung. Somit lösen auch die Funktionen Rey(x) und Imy(x) die Differentialgleichung. Mit der komplexwertigen Lösung erhalten wir also zwei reellwertige Lösungen Rey(x) und Imy(x).