Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Eindeutigkeit und sukzessive Approximation (§5)

Aus testwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Voraussetzung (b):

Seien die Zahl ξ und der Vektor η=(η1,,ηm)m mit m vorgegeben. Zu den festen positiven Konstanten a,b1,,bm(0,+) betrachten wir wiederum das Rechteck

R:={(x,y)=(x,y1,,ym)1+m:|xξ|a,|yiηi|bi,i=1,,m}.

Hierauf sind die beschränkten, stetigen Funktionen

fi=fi(x,y1,,ym):RC0(R) mit |fi|M in R

für i=1,,m mit der Schranke M>0 gegeben. Weiter gebe es eine Lipschitz-Konstante L>0, so dass die Ungleichung

(1) |fi(x,y1,,ym)fi(x,y1,,ym)|Lk=1m|ykyk| fu¨r alle (x,y1,,ym),(x,y1,,ym)R und i=1,,m

erfüllt ist. Wir fordern also, dass die Funktionen fi in den Variablen y1,,ym einer Lipschitz-Bedingung genügen.

Auf dem Existenzintervall [ξh,ξ+h] mit hinreichend kleinem 0<ha betrachten wir die Lösungen der Anfangswertprobleme

(2) yi=yi(x):[ξh,ξ+h][ηibi,ηi+bi],yi(x)=fi(x,y1(x),,ym(x)),x[ξh,ξ+h],yi(ξ)=ηi fu¨r i=1,,m

sowie

(3) yi=yi(x):[ξh,ξ+h][ηibi,ηi+bi],yi(x)=fi(x,y1(x),,ym(x)),x[ξh,ξ+h],yi(ξ)=ηi fu¨r i=1,,m

zu den Anfangswerten η bzw. η. Um diese beiden Lösungen y(x)=(y1(x),,ym(x)) und y(x)=(y1(x),,ym(x)) mit einander zu vergleichen, betrachten wir die äquivalenten Integralgleichungssysteme

(4) yi(x)=ηi+ξxfi(t,y1(t),,ym(t))dt,x[ξh,ξ+h],i=1,,m

bzw.

(5) yi(x)=ηi+ξxfi(t,y1(t),,ym(t))dt,x[ξh,ξ+h],i=1,,m.

Wir ziehen nun diese beiden Gleichungen voneinander ab und erhalten

(6) [yi(x)ηi][yi(x)ηi]=ξx{fi(t,y1(t),,ym(t))fi(t,y1(t),,ym(t))}dt,x[ξh,ξ+h],i=1,,m.

Die Lipschitz-Bedingung liefert

(7) |[yi(x)ηi][yi(x)ηi]|ξx|fi(t,y1(t),,ym(t))fi(t,y1(t),,ym(t))||dt|ξxLk=1m|yk(t)yk(t)||dt| fu¨r alle x[ξh,ξ+h],i=1,,m.

Wir führen nun die Hilfsfunktion

(8) Φ(x):=i=1m|[yi(x)ηi][yi(x)ηi]|,x[ξh,ξ+h]

sowie die Hilfsgröße

(9) ε(η,η):=k=1m|ηkηk|

ein. Wir entnehmen dann (7) die Abschätzung

(10) |[yi(x)ηi][yi(x)ηi]|ξxL{Φ(t)+ε(η,η)}|dt|fu¨r alle x[ξh,ξ+h],i=1,,m.

Summation von 1,,m liefert schließlich die Ungleichung

(11) Φ(x)(mL)ξx{Φ(t)+ε(η,η)}|dt| für alle x[ξh,ξ+h].

Satz 1 (Gronwallsches Lemma)

Die stetige Funktion f:[ξh,ξ+h][0,+) genüge der Integralungleichung
f(x)Aξx(f(t)+ε)|dt| für alle x[ξh,ξ+h]
mit Konstanten A>0 und ε0. Dann gilt für alle x[ξh,ξ+h] die Abschätzung
0f(x)ε(eA|xξ|1)=εk=1Akk!|xξ|k.

Beweis

Wir setzen M:=max{f(x):ξhxξ+h} und zeigen durch vollständige Induktion

f(x)εk=1nAkk!|xξ|k+MAnn!|xξ|n,x[ξh,ξ+h].

Aus der Integralungleichung erhalten wir nämlich

f(x)MA|xξ|+εA|xξ| für alle x[ξh,ξ+h],

so dass der Fall n=1 gesichert ist. Gilt nun obige Abschätzung für ein n, so finden wir

f(x)εA|xξ|+Aξxf(t)|dt|
εA|xξ|+Aξx{εk=1nAkk!|xξ|k+MAnn!|xξ|n}|dt|
=εA|xξ|+εk=1nAk+1(k+1)!|xξ|k+1+MAn+1(n+1)!|xξ|n+1
=εk=1n+1Akk!|xξ|k+MAn+1(n+1)!|xξ|n+1.

Da nun

limn(A|xξ|)n+1(n+1)!=0

richtig ist, folgt durch Grenzübergang in obiger Abschätzung

f(x)εk=1Akk!|xξ|k=ε(eA|xξ|1).

q.e.d.

Satz 2 (Eindeutigkeit und Stabilität)

Unter der Voraussetzung (b) lösen die Funktionen yi(x) und yi(x) für i=1,,m die Anfangswertprobleme (2) bzw. (3). Dann gilt für die assoziierten Funktionen aus (8) und (9) die Ungleichung
0Φ(x)ε(η,η){exp(mL|xξ|)1} für alle x[ξh,ξ+h].
Somit stimmen die Lösungen bei gleichen Anfangswerten überein und sie hängen überdies stetig von diesen Anfangswerten ab.

Unter der Voraussetzung (b) erklären wir die Größe

h:=min{a,b1M,,bmM}

und erhalten nach dem Peanoschen Existenzsatz genau eine Lösung des Anfangswertproblems (2). Unter Verwendung der Lipschitzbedingung werden wir diese mit dem Verfahren der sukzessiven Approximation von Picard und Lindelöf auf ganz anderem Wege konstruieren. Wir setzen

(12) f(x,y):=(f1(x,y1,,ym)fm(x,y1,,ym)) für (x,y)R

und konstruieren die Funktionenfolge

(13) yk(x):=(yk1(x)ykm(x)),x[ξh,ξ+h]=:I,k=0,1,2,

wie folgt:

(14) y0:=η=(η1ηm) und yk:=η+ξxf(t,yk1(t))dt für k=1,2,.

Hilfssatz 1

Es gilt (x,yk(x))R für alle xI und k=0,1,2,.

Beweis

𝐤=𝟎: y0=η.
𝐤𝟏𝐤:

|ykηi|=|ξxfi(t,yk1(t))dt|ξx|fi(t,yk1(t))||dt|M|xξ|Mhbi für alle xI und i=1,,m.

Somit folgt die Behauptung.

q.e.d.

Wir betrachten nun die Funktionenfolge

ψk(x):=i=1m|yk+1i(x)yki(x)|,xI für k=0,1,2,.

Hilfssatz 2

Es gilt
ψk(x)mM(mL)k|xξ|k+1(k+1)!
für alle xI und k=0,1,2,.

Beweis

𝐤=𝟎: Wir sehen |y1i(x)y0i(x)|=|ξxfi(t,η)dt|M|xξ| für i=1,,m ein und erhalten ψ0(x)mM|xξ| für alle xI.
𝐤𝐤+𝟏: Wir ermitteln

|yk+2i(x)yk+1i(x)|=|ξx[fi(t,yk+1(t))fi(t,yk+1(t))]dt|Lξxψk(t)|dt|
(mM)(mL)kL1(k+1)!ξx|tξ|k+1|dt|=(mM)(mL)kL1(k+2)!|xξ|k+2

für i=1,,m. Wir erhalten dann

ψk+1(x)mM(mL)k+1|xξ|k+2(k+2)! für alle xI.

q.e.d.

Die Funktionenreihe

k=0(yk+1(x)yk(x)),xI

hat somit die konvergente Majorante

MLk=0(mL)k|xξ|kk!=ML(exp(mL|xξ|)1)

Satz 3 (Sukzessive Approximation nach Picard und Lindelöf)

Unter der Voraussetzung (b) konvergiert die in (14) definierte Funktionenfolge
yk(x):Im für k=0,1,2,
gleichmäßig auf dem Intervall I=[ξh,ξ+h] gegen eine Lösung
y(x)=(y1(x)ym(x))C1(I,m)
des Anfangswertproblems (2).

Beweis

Es gilt

y(x):=limkyk+1(x)=η+limkl=1k(yl+1(x)yl(x)),xI.

Wir vollziehen den Grenzübergang in der Integralgleichung (14) und erhalten

y(x)=η+ξxf(t,y(t))dt,xI.

q.e.d.