Kurs:Analysis II/Kapitel VI: Gewöhnliche Differentialgleichungen/Differentialgleichungen höherer Ordnung (§8)

Aus testwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Wir werden nun die explizite Differentialgleichung m-ter Ordnung (m)
(1) y(m)(x)=f(x,y(x),y(x),,y(m1)(x))

auf ein Differentialgleichungssystem erster Ordnung zurückführen.
Sei also y(x) eine Lösung von (1). Dann erhalten wir die Funktionen

y1(x):=y(x),y2(x):=y(x),y3(x):=y(x),,ym(x):=y(m1)(x)

und wir erhalten folgendes Differentialgleichungssystem

(2) y1(x)=y2(x)y2(x)=y3(x)ym(x)=y(m)(x)=f(x,y1,,ym).

Haben wir nun umgekehrt eine Lösung des Systems (2), so erhalten wir mit der Funktion y(x):=y1(x) eine Lösung von (1) wie folgt:

y2(x)=y(x),y3(x)=y2(x)=y(x),,ym(x):=y(m1)(x),
y(m)(x)=f(x,y(x),y(x),,y(m1)(x)).

Dem Anfangswertproblem für das System (2) mit den Anfangswerten

yi(ξ)=ηi für i=1,,m

entspricht das folgende Anfangswertproblem für die Differentialgleichung m-ter Ordnung

(3) y(m)(x)=f(x,y(x),y(x),,y(m1)(x)),y(i1)(ξ)=ηi für i=1,,m.

Satz 1 (Existenz- und Eindeutigkeitssatz für Differentialgleichungen höherer Ordnung)

Voraussetzungen: Die Funktion f=f(x,y1,,ym):R ist auf dem Rechtflach
R:={(x,y1,,ym)1+m:|xξ|a,|yiηi|bi fu¨r i=1,,m}
stetig und erfüllt |f(x,y)|M für alle (x,y)R. Dabei sind ξ,η=(η1,,ηm)*mund a,b1,,bm(0,+) sowie M(0,+) gewählt worden. Weiter erklären wir die Größen
M*:=max{M,b2+|η2|,,bm+|ηm|} und h:=min{a,b1M*,,bmM*}.
Behauptung: Dann gibt es eine Funktion y=y(x)Cm((ξh,ξ+h)) mit der Eigenschaft
(x,y(x),y(x),,y(m1)(x))R für alle x(ξh,ξ+h),
welche das Anfangswertproblem
(4) y(m)(x)=f(x,y(x),y(x),,y(m1)(x)),x(ξh,ξ+h)y(i1)(ξ)=ηi,i=1,,m
für die Differentialgleichung m-ter Ordnung zu den Anfangswerten η1,,ηm löst.
Zusatz: Genügt zusätzlich die rechte Seite f der Lipschitzbedingung
(5) |f(x,y~1,,y~m)f(x,y1,,ym)|Lk=1m|y~kyk|fu¨r alle Punkte(x,y1,,ym),(x,y~1,,y~m)R
mit einer Lipschitzkonstante L(0,+), so ist die Lösung des Anfangswertproblems (4) eindeutig bestimmt.

Beweis

Wir betrachten das dem AWP (4) zugehörige System

yi(x)=gi(x,y1,,ym),yi(ξ)=ηi für i=1,,m

mit den rechten Seiten gi():=yi+1 für i=1,,m1 und gm:=f(x,y1,,ym). Die Funktionen gi sind in R stetig und es gilt auf R die Ungleichung

|gi|max{b2+|η2|,,bm+|ηm|,M}=M* für i=1,,m.

Somit liefert der Peanosche Existenzsatz eine Lösung des Systems auf dem Intervall (ξh,ξ+h). Mit den obigen Vorbetrachtungen erhalten wir dann eine Lösung des AWP (4). Erfüllt nun f zusätzlich die Lipschitzbedingung (5), so folgt

|gi(x,y~1,,y~m)gi(x,y1,,ym)|(L+1)k=1m|y~kyk|

für alle (x,y1,,ym),(x,y~1,,y~m)R und i=1,,m. Nach dem Eindeutigkeitssatz für Systeme erhalten wir dann auch Eindeutigkeit für das Anfangswertproblem höherer Ordnung.

q.e.d.

Reduktion der Ordnung bei Differentialgleichungen F(y,dydx,,dmydxm)=0

Ist y(x)0 erfüllt, so können wir gemäß x=x(y) auflösen. Wir erhalten dann

dydx|x(y)=y|x(y)=p(y)d2ydx2=dpdydydx=dpdyp
dmydxm=Π(p,dpdy,,dm1pdym1) mit einem gewissen Polynom Π
0=F~(y,p(y),,dm1pdym1).

In dieser Gleichung ist die Ordnung um eins reduziert. Haben wir p=p(y) ermittelt, dann lösen wir dydx=p(y) durch Trennung der Variablen. Man nennt diese Differentialgleichungen auch autonom, da sie die Variable x nicht explizit enthalten.