Kurs:Analysis I/Kapitel III: Die elementaren Funktionen/§8 Der Fundamentalsatz der Algebra

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Definition 1

Die Funktion
(1) f(z)=k=0nakzk=anzn+an1zn1+...+a1z+a0,z
heißt ein Polynom in z vom Grad n0 – in Zeichen Gradf=n – mit den komplexen Koeffizienten ak für k=0,1,2,...,n und an0. Wenn alle Koeffizienten gemäß ak für k=0,1,2,...,n reell sind, so sprechen wir von einem reellen Polynom.

Hilfssatz 1

Sei f ein Polynom (1) mit Gradf>0. Dann gibt es zu jedem z0 komplexe Koeffizienten b0=f(z0),b1,...,bn1,bn=an derart, dass folgende Darstellung gültig ist:
(2) f(z0+ξ)=anξn+bn1ξn1+...+b1ξ+f(z0),ξ.

Beweis

Wir setzen z=z0+ξ und erhalten mittels (1) die Identität

f(z)=f(z0+ξ)=k=0nak(z0+ξ)k.

Die Terme (z0+ξ)k werden über den Binomischen Lehrsatz berechnet und die Summe wird nach Potenzen von ξ umgeordnet. Für k=0,1,...,n finden wir dann neue Koeffizienten bk=bk(a0,a1,...,an,z0) mit an=bn0 und b0=f(z0). Damit ist die Darstellung (2) gezeigt.

q.e.d.

Definition 2

Sei 𝒪 eine offene Menge. Eine funktion Φ:𝒪 besitzt im Punkt z0𝒪 ein schwaches relatives Minimum, falls es ein ε>0 gibt mit der folgenden eigenschaft:
Φ(z)Φ(z0) für alle z𝒪 mit |zz0|<ε.

Hilfssatz 2

Sei f ein Polynom (1) mit Gradf>0 und f(z0)0 für ein z0. Dann gibt es zu jedem R>0 ein z* mit |z*z0|R und |f(z*)|<|f(z0)|.

Beweis

1. Durch Übergang von f zum Polynom g(z):=1f(z0)f(z),z können wir ohne Einschränkung g(z0)=1 annehmen. Gemäß (2) entwickeln wir

g(z0+ξ)=1+bkξk+bk+1ξk+1+...+bnξn

mit bk0 zu geeignetem 1kn. Mittels Satz 1 aus §5 ergibt sich die eindeutige Darstellung in Polarkoordinaten

bk=|bk|exp(iϑ) mit ϑ(π,π].

Ferner sei die Darstellung ξ=rexp(iφ) bzw.

ξk=rkexp(ikφ) mit r>0 und φ(π,π]

gewählt. Dann erhalten wir

g(z0+ξ)=1+|bk|rkexp(i(ϑ+kφ))+rkh(ξ).

Dabei erfüllt die Funktion

h(ξ):=exp(ikφ)(bk+1ξ+...+bnξnk):{0}

die Bedingung limξ0,ξ0h(ξ)=0.

2. Unser Ziel ist es nun, den zweiten Summanden negativ zu machen. Wir wählen φ derart, dass ϑ+kφ=π gilt. Anschaulich bewegt sich ξ mit variablem r>0 und festgelegtem φ=πϑk auf dem Strahl rexp(iφ). Wegen exp(iπ)=1 und nach Wahl eines geeigneten ε>0 mit |bk|εk1 und 2|h(ξ)||bk| für alle |ξ|<ε gilt die abschätzung

|g(z0+ξ)|1+|bk|exp(iπ)rk+|h(ξ)|rk=1|bk|rk+|h(ξ)|rk
=1(|bk||h(ξ)|)rk112|bk|rk<1

für alle r(0,ε]. Zu gegebenem R>0 wählen wir ξ=rexp(iφ) mit r=min{ε,R} und erhalten so einen Punkt z*=z0+ξ in der Gauß-Ebene, welcher die geforderte eigenschaft

|g(z*)|=|g(z0+ξ)|<1=n.V.|g(z0)|

mit |z*z0|=|ξ|R erfüllt.

q.e.d.

Hilfssatz 3

Wenn f ein Polynom (1) mit Gradf>0 darstellt, dann folgt das asymptotische Verhalten
(3) limR+inf{|f(z)|:z,|z|=R}=+.

Beweis

Für z{0} finden wir die Abschätzung

|f(z)|=|anzn(1+k=0n1akan1znk)||an||z|n(1k=0n1|akan|1|z|nk).

Nun wählen wir R>0 so, dass

k=0n1|akan|1|z|nk=|an1an|1|z|+...+|a0an|1|z|n12 für alle |z|R

ausfällt. Dann ist die Abschätzung

|f(z)|12|an|Rn für alle |z|R

und somit das asymptotische Verhalten (3) erfüllt.

q.e.d.

Satz 1 (Fundamentalsatz der Algebra)

Jedes nicht konstante Polynom f hat wenigstens eine komplexe Nullstelle, d. h. es gibt ein z0 mit f(z0)=0.

Beweis

Wir betrachten die Hilfsfunktion Φ(z)=|f(z)|:. Wegen (3) können wir R>0 so groß wählen, dass

inf{Φ(z):z,|z|=R}>Φ(0)

gilt. Auf der kompakten Menge K:={z:|z|R} ist die Funktion Φ stetig und folglich gibt es ein z0K mit

Φ(z0)={Φ(z):z,|z|R}

Wegen Φ(z0)Φ(0)<inf{Φ(z):z,|z|=R} muss z0K richtig sein. Wir werden z0 als Nullstelle erkennen: Angenommen es wäre Φ(z0)0 bzw. f(z0)0 erfüllt. Nach Hilfssatz 2 gibt es dann ein z* mit |z*|<R und Φ(z*)<Φ(z0). Dieses liefert einen Widerspruch zur Minimaleigenschaft (4). Also folgt f(z0)=0 und eine Nullstelle ist gefunden.

q.e.d.

Satz 2 (Linearfaktorzerlegung)

Jedes Polynom (1) besitzt eine Linearfaktorzerlegung der Form
f(z)=anj=1m(zzj)kj.
Dabei sind z1,z2,...,zm seine paarweise verschiedenen komplexen Nullstellen. Die Zahlen kj geben die Vielfachheiten bzw. Ordnungen der Nullstellen zj für j=1,2,...,m an. Schließlich ist die Identität j=1mkj=n für die Vielfachheiten erfüllt.

Beweis

Wegen Satz 1 besitzt f eine Nullstelle z0. Nach Hilfssatz 1 entwickeln wir f an der Stelle z0, indem wir ξ:=zz0 setzen:

f(z)=f(z0+ξ)=(2)f(z0)+bkξk+...+anξn.

Dabei ist bk0 für ein 1kn und an0 erfüllt. Schließlich ergibt sich die Darstellung

f(z)=bkξk+bk+1ξk+1+...+anξn=ξk(bk+bk+1ξ+...+anξnk)=(zz0)kf~(z).

Hierbei besitzt das Polynom f~(z)=j=1mcjzk den Grad m=nk0 und die Koeffizienten cj für j=1,...,m sowie cm=an0. Das durch Ordnen nach Potenzen von z entstehende Polynom f~ erfüllt Gradf~<Gradf und f(z0)0. Wiederholte Anwendung von Satz 1 liefert die Behauptung.

Hilfssatz 4

Sei f ein reelles Polynom (1) mit der komplexen Nullstelle z0 der Vielfachheit k0. Dann ist auch z0 eine Nullstelle von f der Vielfachheit k0.

Beweis

1. Zunächst sehen wir folgendes leicht ein: Ein Polynom f besitzt in z0 genau dann eine Nullstelle der Vielfachheit k0, wenn die abgeleiteten Polynome f(k) der Ordnungen k=0,...,k01 dort verschwinden.

2. Ist nun z0 eine Nullstelle eines reellen Polynoms, so folgt

0=f(z0)=k=0nakz0k=k=0nakz0k=f(z0).

Also ist dann auch z0 eine Nullstelle von f.

3. Ist nun z0 eine Nullstelle des reellen Polynoms f der Vielfachheit k0, so verschwinden dort die abgeleiteten Polynome f(k) der Ordnungen k=0,...,k01. Da letztere reell sind, so verschwinden sie auch im Punkt z0. Folglich ist z0 eine Nullstelle der Vielfachheit k0 von f.

Satz 3 (Reelle Linearfaktorzerlegung)

Jedes reelle Polynom f aus (1) vom Grad n besitzt eine Linearfaktorzerlegung der folgenden Form
(6) f(x)=anj=1m(xxj)kjj=m+1m+μ[(xzj)(xzj)]kj
=anj=1m(xxj)kjj=m+1m+μ[x22xjx+|zj|2]kj,x
Dabei sind x1,...,xm – mit m0 – seine paarweise verschiedenen reellen Nullstellen der Vielfachheiten kj für j=1,...,m. Weiter sind zj=xj+iyj mit yj>0 für j=m+1,...,m+μ – mit μ0 – seine paarweise verschiedenen Nullstellen in der oberen komplexen Halbebene der Vielfachheiten kj. Schließlich gilt die Identität
(7) j=1mkj+2j=m+1m+μkj=n
für ihre Vielfachheiten.